ANALYSE von Dr. Björn Peters zur deutschen Energieversorgung

— Foto: Dr. Björn Peters privat / Copyright Stephan Gröpper Photography

Warum die „Energiewende“ gescheitert ist

Fast sämtliche Ziele konnten nicht erreicht werden

Von Dr. Björn Peters. — Kelkheim, 18. Februar 2021

Ich wurde immer wieder mal gefragt, warum ich behaupte, die „Energiewende“ in Deutschland sei gescheitert. Das sollte ich präzisieren.

Die Energiewende wurde 1998 mit ganz konkreten Zielen gestartet. Sie sollte ohne wesentliche Mehrkosten die Energieversorgung sauberer und umweltfreundlicher machen, sie demokratisieren, ihren CO₂-Fußabdruck verringern, die Importabhängigkeit an Energierohstoffen verringern; die Nutzung der Kernenergie sollte beendet werden, und die Herstellungskosten von Solarmodulen und Windkraftwerken sollte sie deutlich verringern.

Deutschland hat tatsächlich bei Solarzellen etwa die Hälfte der Lernkurve der Welt bezahlt, das ist schon richtig. Bei Wind wird es ähnlich sein, darüber traue ich mir keine Aussage zu. Dies ist das einzige Ziel, das das EEG erreicht hat: die deutliche Reduktion der Investitionskosten bei Wind- und Solarkraftwerken.

Alle anderen Ziele wurden nicht erreicht, und ich bin der Ansicht, dass damit erstens die Energiewende tatsächlich als gescheitert betrachtet werden muss, und dass das absehbare Systemfehler sind:

■ Die CO₂-Emissionen im Stromerzeugungssektor gingen kaum zurück, während andere Sektoren nicht von der Energiewende betroffen waren. Das Ergebnis sind deutlich höhere Pro-Kopf-Emissionen als bspw. in Frankreich, wo es eine echte Energiewende gab. Das ist auch kein Wunder. Der Anteil der CO₂-freien Stromversorgung ist seit 1990 mehr oder weniger konstant. Auch nach 20 Jahren EEG und einem fast vollendeten Atomausstieg liefert die Kernkraft immer noch mehr Energie ins Stromnetz als alle Solaranlagen zusammen. Mit dem vollständigen Atomausstieg in knapp zwei Jahren werden wir 50 Mio. Tonnen CO₂ mehr ausstoßen – jährlich.

■ Die Mär, dass Umgebungsenergien per se umweltfreundlich und nachhaltig seien, hält einer Überprüfung nicht stand. Wer statt auf wenige Großkraftwerke auf Millionen ineffizienter Klein- und Kleinstkraftwerke setzt, vervielfacht den Ressourcen-, Flächen- und Landschaftsverbrauch. Daran ist nichts „öko“ oder „grün“. Allein der Bergbau für die zusätzlichen Mengen an Stahl, Lithium, Seltenen Erden usw. zerstört ganze Landstriche, nur nicht hier in Deutschland. Ähnlich sieht es hierzulande aus, wenn man tausende Quadratkilometer allein in Deutschland mit Chemie-intensiven Monokulturen an Raps und Mais bepflanzt, um daraus Energie zu gewinnen. Das ist ein Schlag gegen die Artenvielfalt, den wir schleunigst beenden sollten. Dabei ist die Situation der Greifvögel dank Windkraftausbau auch nicht hilfreich, und dass bei Offshore-Windanlagen die Fundamente mit tausenden, 200 Dezibel lauten Rammstößen verankert werden, die das Gehör der geschützten Schweinswale zerstören und viele von ihnen dann verhungern, sowie dass der Orientierungssinn von Fischen durch die Unterseestromkabel gestört wird, findet hierzulande noch kaum Beachtung.

■ Die Importabhängigkeit an Energierohstoffen ist unverändert hoch, und nach allen Energiewende-Studien der Institute werden wir auch in Zukunft mehr als 80 Prozent unserer Energie importieren müssen, in Form von Strom und Wasserstoff. Wir werden lediglich aus anderen Ländern importieren, die aber ähnliche politische Stabilitätswerte haben wie die Produktionsländer fossiler Energierohstoffe.

■ Der Aufbau einer Energie-Industrie ging daneben. Siemens hat viele Arbeitsplätze abbauen müssen, auch in Branchen, wo das Unternehmen weltweit führend war, und ähnlich ging es vielen anderen Unternehmen. Die Solarbranche ist an selbstgemachten Fehlern zugrunde gegangen, insbesondere weil sie nur ihre Produktionskapazitäten vervielfacht, aber nicht dafür gesorgt hatte, dass sie die besten Zellen der Welt entwickelte in Bezug auf Wirkungsgrad und Wartungsfreundlichkeit (Total Lifetime Cost).

■ Die Demokratisierung des Energiesektors ist kaum vorangekommen außer bei PV-Anlagen auf den Hausdächern, die aber kaum etwas zur Energieversorgung beitragen. Zwar gibt es einzelne „Bürgerwindparks“, aber viele von ihnen sind in der Hand großer Unternehmen, mit ein paar Alibi-Beteiligungen von Privatinvestoren. Das kann auch nicht funktionieren: Kein Energiesystem erfordert so viel zentralistische Planung wie eines, das auf wetterabhängige Umgebungsenergien setzt. Diese verlangen danach, dass sich irgendwer sehr genaue Gedanken macht, in welchen Regionen welche Art von Umgebungsenergie sinnvoll produziert wird, und wie Stromtrassen kreuz und quer über den Kontinent gelegt werden müssen, damit die Energie bedarfsgerecht bei den Verbrauchern ankommt.

■ Die Energiewende sollte nach anfänglich hohen Investitionskosten zu einer baldigen Reduktion der volkswirtschaftlichen Energiekosten führen. Davon ist nichts zu spüren, was wiederum systemimmanent ist. Wenn man sich vom Wetter abhängig macht, kann man nicht gleichzeitig erwarten, dass die Vollversorgung gelingt. Damit diese erreichbar wird, benötigt es gewaltiger Investitionen in andere Infrastruktur, die die Kosten eines rein auf thermischen Kraftwerken basierenden Energieerzeugungssystems immer verdoppeln werden. (Mit Speichern ist es eher eine Vervielfachung der Kosten.)

■ Die Gelbwestenproteste in Frankreich, die sich an unmäßig gestiegenen Energiekosten entzündet haben, sind ein Anzeichen dafür, dass eine Strategie der systematischen Verteuerung von Energie auf soziale Grenzen trifft. Die jährlich 300.000 Stromabschaltungen in Deutschland sind auch ein bedenkliches Zeichen in diese Richtung. Die soziale Bilanz der „Energiewende“ ist daher verheerend.

■ Die Energiewende hat gar eine gigantische Umverteilungsmaschine gestartet von unten nach oben. Gleichzeitig wurde sie so geschickt konstruiert, dass sie vor dem Bundesverfassungsgericht nicht beklagt werden kann. Seit der Feudalzeit hat es nicht mehr eine solch rücksichtlose Plünderung der sozial Schwachen durch die Oberschicht gegeben. Die Energiepolitik insgesamt kostet die Bürger an Umlagen, Steuern und Abgaben mehr als 100 Milliarden Euro jährlich, die auf sämtliche Produkte umgelegt werden. Ein Drittel der deutschen Bevölkerung hat ein Haushaltseinkommen von unter 30.000 Euro brutto, da spielen tausend Euro pro Kopf (!) an Energiewendekosten eine beträchtliche Rolle.

■ Die Energiewende war immer nur als Stromwende konstruiert. Eine Mobilitätswende und die Umstellung der industriellen Prozessenergie auf emissionsarme Methoden werden in der Politik zwar angestrebt aber nicht wirklich angegangen. Wetterabhängige Umgebungsenergien mit ihrer viel zu geringen Energiedichte und Schwankungsanfälligkeit werden die von einer modernen Industriegesellschaft benötigten Energiemengen nicht liefern können, weder in der Menge noch bedarfsgerecht.

Das sind die Gründe, warum ich persönlich die Energiewende als gescheitert betrachte. Fast sämtliche Ziele, die ursprünglich mit ihr erhofft waren, konnten nicht erreicht werden, und manche notwendigen Ziele wurden gar nicht erst formuliert. Die Energiewende ist also an ihren eigenen Zielsetzungen und ihrer eigenen Metrik gescheitert, nicht auf Basis der Verleumdungen ihrer Gegner. Daher muss man sie auch mit Recht in Gänsefüßchen setzen, denn „gewendet“ wurde nichts, dafür viel Schaden angerichtet.

DER AUTOR

Dr. Björn Peters hat Statistische Physik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert und u. a. als Rohstoff- und Kraftwerksfinanzierer bei DWS und als Associate bei McKinsey & Company gearbeitet. Er betreibt das Forschungs- und Beratungsinstitut für Energiewirtschaft und -politik Peters Coll. in Kelkheim. Er ist ehrenamtlicher Ressortleiter und Vorstandsmitglied bei Deutscher Arbeitgeberverband e.V.
Dr. Björn Peters hat seine Analyse als öffentlichen Diskussionbeitrag auf Facebook veröffentlicht. Wir danken ihm herzlich für die freundliche Erlaubnis, seinen Text auf unserer Vereinswebseite darstellen zu dürfen.

 

 

 

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