Bericht von der BücherMesse »SeitenWechsel« am 8./9.11.2025 in Halle
Nicht rechtsextrem, sondern herzlich
und friedlich und extrem gelungen
Der Hayek-Verein war mittendrin mit eigenem Messestand
Aus unserer Redaktion. — Dresden, 12. November 2025
Technisch-organisatorisch war nichts anders als auf jeder anderen Buchmesse: eine wundervolle Vielfalt von Verlagen, eine große Anzahl renommierter Autoren, die auch noch jederzeit spontan zu einem Gespräch bereit waren, wenn sie nicht gerade zu einer eigenen Lesung eilten; ein straff organisiertes Programm von Vortrags- und Leseveranstaltungen auf einer großen Bühne und in vier Sälen, Berge von Büchern, die gesichtet und gekauft wurden, und dahinter Verleger und Standbetreuer, die wie die Honigkuchenpferde über die gelungenen zwei Tage in Halle strahlten. Politisch war das aber eine besondere Buchmesse.
Vor über 500 Jahren, nämlich 1523, veröffentlichte Martin Luther seine Schrift »Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei«. Darin entwickelte er eine theologische Gesellschaftstheorie, die später mit dem Begriff »Zwei-Reiche-Lehre« benannt wurde. Er unterschied das Reich Gottes und das Reich der Welt. Ein Christ lebt in beiden Reichen gleichzeitig, denn er lebt nach den Prinzipien Christi und den staatlichen Gesetzen.
Damals wie heute erschien und erscheint die Idee der »Zwei Welten« plausibel, denn sie trug dazu bei, die Machtfaktoren auseinanderzuhalten, Kontroversen zu dämpfen und die Gesellschaft zu befrieden. An diesen kategorischen Dualismus könnte man sich erinnert fühlen, wenn man heute feststellt, dass sich das politische Deutschland in zwei Welten gespalten hat. Nur stehen sich heute zwei Seiten zunehmend unversöhnlich und geradezu feindlich gegenüber. Die jüngst vergangenen Tage haben dies wieder eindrücklich vor Augen geführt. Und man kann leicht erkennen, wer für die Polarisierung verantwortlich ist.
Bundespräsident Steinmeier hat zum geschichtsträchtigen 9. November eine Rede gehalten, in der er dazu aufruft, »die Demokratie wehrhaft zu verteidigen«. Ein Teil der Medien und der politische Szene bewertet diese Rede sehr kritisch: »Steinmeier gießt Öl ins Feuer der gesellschaftlichen Spaltung« schreibt PI-News-Autor Manfred Rouhs. Auch JF-Online berichtet: »Wagenknecht wirft Steinmeier „politische Dummheit“ vor“«.
Der Bundespräsident zeichnet ein düsteres Bild
Was hatte der Bundespräsident gesagt? Seine Gedanken und Metaphern stellten klar und kalt zwei Lager vor: Das gute »Wir« der »UnsereDemokratie™«-Demokraten und das böse »Sie«: »Populisten und Extremisten verhöhnen die demokratischen Institutionen, vergiften unsere Debatten und betreiben das Geschäft mit der Angst. Das Tabu, sich offen zu solcher Radikalität zu bekennen, gilt für viele Menschen nicht mehr.« Er zeichnet ein düsteres Bild und meint, vor dem nächsten Fackelzug durchs Brandenburger Tor warnen zu müssen: »Wir dürfen nicht gleichsam hineinrutschen erst in eine neue Faszination des Autoritären und dann in neue Unfreiheit …«
Seine mit präsidialem Pathos vorgetragenen Worte bauen keine Brücken, wie es seine überparteiliche Aufgabe wäre, sondern vergiften selbst und zementieren den Dualismus zu einem Antagonismus. Die Rede des Bundespräsidenten gipfelt in der Forderung: »Tun wir, was getan werden muss!«. — Nanu, haben wir das nicht kürzlich woanders gelesen? Ach, richtig: In einem sogenannten „Gutachten“ hatte kürzlich der Landesverfassungsschutz Rheinland-Pfalz über einen AfD-Politiker berichtet. Das Dossier trug dazu bei, dass Joachim Paul seiner Rechte beraubt wurde und nicht bei der Bürgermeisterwahl in Ludwigshafen kandidieren durfte. Was hatte der Inlandsgeheimdienst berichtet? Unter einigen anderen, ähnlich unproblematischen Punkten dies: »Im Oktober 2024 veröffentlichte Joachim Paul im Freilich-Magazin einen Artikel, der sich mit der Nibelungensage befasst.« Oho! Aber jetzt: »Er bezeichnete den Film „als Geschichte großer Männer und Frauen, die tun, was getan werden muss, weil sie ihren Werten und damit sich selbst treu bleiben wollen.«
Der Ober-Demokrat und der Verfassungsfeind
Ist es wirklich so, dass zwei Menschen genau dasselbe gesagt haben und jetzt der eine als Ober-Demokrat und der andere als Verfassungsfeind betrachtet werden? So sieht jedenfalls die polarisierte Atmosphäre aus, in der zur BücherMesse eingeladen wurde.
Medial verstärkt und angeheizt wird diese Spaltung und Ausgrenzung auch durch einen Text der Tageschau. Der zu Ausgewogenheit und Neutralität verpflichtete Sender ARD berichtet über die BücherMesse auf Tagesschau.de mit einem mittellangen Artikel „Rechtsextreme Inhalte werden in Halle salonfähig“. Gleich in der Überschrift und den insgesamt 1027 Wörtern des Beitrages bringt die Redaktion Kulturdesk des MDR glatte 17-mal den Begriff „rechtsextrem“ unter, sowie noch weitere 5-mal in Teasern zu weiterführenden Beiträgen.
Der Satz »Die Stimmung auf der Messe war an beiden Tagen friedlich.« war in dem Text beinahe der einzige Gedanke, der nicht von Hohn, Verachtung und Herablassung diktiert erschien. Um Bücher, Literatur oder begeisterte Leser ging es bei Tagesschau.de kaum, sondern es wurde wieder der übliche, unvermeidliche „Experte“ einer Arbeitsstelle Rechtsextremismus zitiert, der seine Geringschätzung in ein paar zitierbaren Sätzen auskübelte und der Tagesschau.de damit gleich auch noch die erwartbare Schlagzeile des Artikels lieferte.
Eine letzte Episode, bevor wir nach einigen Randgedanken endlich zur Sache kommen: Ein braver Journalist der ZEIT hatte sich – Schublade im Kopf – eine grüne Bomberjacke angezogen, »um nicht weiter aufzufallen« in der Messehalle, wenn sich »rechte Verlage versammeln«. Er hatte bloß nicht erwartet, welche hirnlose Aufwallung seine harmlose Kostümierung bereits auf dem Weg dorthin – und nur dort! – auslösen würde: Er wurde »von den Teilnehmern der linken Gegendemonstration als „Faschoschwein“ angeschrien.«
Dankeschön an die Organisatorin Susanne Dagen
Die allermeisten Besucher erlebten die BücherMesse »SeitenWechsel« am 8. und 9. November 2025 ganz anders. Und bevor wir einige Eindrücke des Wochenendes in Halle vorbeiziehen lassen, zunächst einmal ein großes, herzliches Dankeschön an die Organisatorin Susanne Dagen, nicht zu vergessen ihre Stütze Michael Bormann. Beide waren das unermüdlich arbeitende und in jeder Sekunde ansprechbare, freundliche und in rührender Weise zuvorkommende und hilfeleistende Zentrum der BücherMesse.
Wer es nicht erlebt hat, kann gar nicht ermessen, welch grandiose Leistung Susanne Dagen und ihre kleine Loschwitzer Truppe vollbracht haben. Bevor wir einige Stimmen zitieren, die das Ereignis jeweils aus ihrer Sicht charakterisieren, zunächst zu uns. Durch eine zunächst unglückliche Verkettung von nicht vorhersehbaren Umständen und einen zügigen und wagemutigen Entschluß kam der Hayek-Verein Dresden zu einem eigenen kleinen Messestand. Die ganze, sich über mehrere Tage hinziehende Koordination zwischen den verschiedenen Partnern, dem Messe-Betreiber und Susanne Dagen als Organisatorin machte aus einem anfänglichen Problem eine glückliche Fügung.
Man kann auch jetzt, ein paar Tage nach der Messe, noch immer nicht ganz begreifen, dass der Hayek-Verein in dem ganzen Gewusel aus etwa 100 Ausstellern, Bühnen und Gastronomie im Layout der Messehalle einen Traumplatz erhalten konnte. Vier Quadratmeter, die gesehen wurden und von denen aus man sehen konnte: die Lounge mit der kaum abnehmenden Thekenwarteschlange (dem einzigen kleinen Minus des Wochenendes), einen Durchblick auf die große Bühne und – schräg gegenüber – den zentralen Stand des BuchHauses Loschwitz mit seiner markant farbigen EXIL-Reihe auf den Borden.
Lieblingsverlage besucht und Unbekanntes entdeckt
Und das sagten Akteure: »Klein, aber fein« (Franz Höfer von Nueviso), »eine Atmosphäre der Gesprächsbereitschaft und Kommunikationsdichte, erfreulicher als bei den großen Messen« (Frank Böckelmann von TUMULT), »„umstrittene“ Autoren waren zugelassen« (Elijah Tee von ET Video&Content), »hier hat jeder Platz« (Maximilian Tichy von Tichys Einblick), »ein Safe Space für alle Andersdenkenden« (Paul Klemm von Compact), »die XXXL-Version des Buchhauses Loschwitz« (Medienwissenschaftler und Eröffnungsredner Prof. Michael Meyen).
Die Messe kam dem nahe, was man sich in seinem abgedrehtesten Traum nicht anders hätte wünschen können: die wichtigen Lieblingsverlage konnten besucht und dazu noch weiteres bisher Unbekanntes entdeckt werden. Alles lief entspannt, herzlich und friedlich ab. Renommierte Autoren schlenderten durch die Halle und ließen sich in Gespräche ziehen. Edelfedern zum Anfassen. An den Ständen wurde geblättert, gekauft und signiert.
Das einzig mürrische Gesicht des Wochenendes wurde von Olaf S. (Journalist, Fernsehreporter und Buchautor mit dem Themenschwerpunkt Extremismus) durch die Messehalle getragen. Vielleicht wurmte ihn auch, dass einige Hundertschaften Gegendemonstranten keine wirklich empfindliche Störung erreichen konnten. Aussteller und Publikum waren einfach an Büchern und nicht an geistlosem und überflüssigem Krawall interessiert.
Direkt in der Nebenkoje saß Vera Lengsfeld und signierte ihr neuestes Buch „Ist mir egal. Wie Angela Merkel die CDU und Deutschland ruiniert hat“. Der legendäre Pfarrer Christoph Wonneberger stand plötzlich am Stand und man traute den Augen nicht, während er als interessierter Messebesucher offen und unbekümmert zu plaudern begann. Tichy-Autor Frank Hennig kam zum Gespräch und gleich wurden die Kraftwerkssprengungen erörtert.
Verstärkung aus Dresden mit Nachschub an Büchern
Am Sonnabend traf aus Dresden Verstärkung ein – für einige Stunden und mit Nachschub an gespendeten Büchern. Im Angebot hatten wir mehrere Exemplare zweier Sachbücher von Dipl.-Wirtsch.-Ing. Günter Suske »Ein Wunder, dass der Laden noch läuft« und »Die Zukunftskünstler« sowie den Roman von Ralf M. Ruthardt »Das laute Schweigen des Max Grund«. Auch mehrere Titel, die die Hayek-Gesellschaft über uns zur liberalen Aufklärung in Umlauf bringt, wurden restlos an Interessierte weitergegeben.
Der scharfzüngige Elijah Tee kam zum Stand des Hayek-Vereins, um ein Interview von Dresdner zu Dresdner zu führen und seinen Livestream-Zuschauern einige Gedanken Hayeks und eine Prise Lebenserfahrung der grauhaarigen Standbesatzung erklären zu lassen. Natürlich wurde auch er gebeten, mit einem Eddingstift ein Autogramm auf unser „Gästebuch“ zu setzen, einem T-Shirt – das ab sofort nur noch Tee-Shirt genannt wird –, bedruckt mit der libertären Kettensäge.
Uwe Steimle sagt ja zu solchem Textil konsequent „Nicki“, und mit Steimle, dem am Sonntag auf der großen Bühne umjubelten Kabarettisten wollen wir nun den Rundgang beenden.
Auch 2026 kommen wir wieder alle nach Halle – »Afuera!«
»Wir sind nicht schwererziehbar« (Steimle) im Sinne von: Wir haben einen eigenen Kopf zum Denken und lassen uns das nicht nehmen – darum gruppierte er die Gedanken bei seinem Auftritt. Den Schlußpunkt des Wochenendes setzte dann Uwe Tellkamp auf der Messebühne und freundlicherweise auch noch mit einem Autogramm neben unseren Schlachtruf »Afuera!«.
Susanne Dagen hat bereits bekanntgegeben, dass die BücherMesse »SeitenWechsel« auch im kommenden Jahr stattfinden wird, nachdem die Premiere bereits an der Kapazitätsgrenze der Messehalle ein solch wunderbarer Erfolg war. Die Vernetzung der engagierten Buchhändlerin und Verlegerin mit einer standfesten privatwirtschaftlichen Messefirma – »Ohne Haus keine Hausmusik.« (Susanne Dagen) – und dem begeisterten Zuspruch der Verlage, Medien, Autoren und den dankbaren Interessenten, Käufern und Lesern lassen hoffen: am 7. und 8. November 2026 treffen wir uns wieder in Halle. ■
QUELLEN
Manfred Rouhs: »Steinmeier gießt Öl ins Feuer der gesellschaftlichen Spaltung« ⋙ Link
JF-Online: »Wagenknecht wirft Steinmeier „politische Dummheit“ vor« ⋙ Link
Legal Tribune Online: »Oberbürgermeisterwahl in Ludwigshafen / AfD-Kandidat Paul unterliegt vor den Verfassungsgerichten« ⋙ Link
Tagesschau.de: »Buchmesse Seitenwechsel / Wo rechtsextreme Inhalte salonfähig werden« ⋙ Link
ZEIT: »Buchmesse "Seitenwechsel": Und abends singen sie "Kein schöner Land"« ⋙ Link
VIDEOS
Interview mit Susanne Dagen
BUCHMESSE Halle: Organisatorin SUSANNE DAGEN zieht BILANZ! | #INTERVIEW (Elijah Tee - ET Video & Content; 9.11.2025; 7:11 min.)
»Kurz vor Schluss, nach einem langen Wochenende, zieht SUSANNE DAGEN – Organisatorin der 1. Alternativen Buchmesse „SEITENWECHSEL“ Bilanz und gibt Einblick in das, was sie dazu gebracht hat, die deutsche Buchszene mit ihrem neuen Engagement (mal wieder) komplett auf den Kopf zu stellen.« ⋙ Link
Interview von Elijah Tee
am Stand des Hayek-Vereins Dresden ⋙ Link
Live-Stream – Erster Messetag
SEITENWECHSEL: Alternative Buchmesse - Tag 1 | HALLE | #VorORT (Elijah Tee - ET Video & Content; Live übertragen am 8.11.2025; 2:35:07 Std.)
»Die Verlegerin und Buchhändlerin SUSANNE DAGEN aus Dresden organisiert ihre eigene alternative Buchmesse mit prominenten und umstrittenen Gästen en masse. Und: Vor allem mit Büchern, die man auch endlich wieder lesen will! Mit GERALD GROSZ und Anderen!« ⋙ Link
Live-Stream – Zweiter Messetag
SEITENWECHSEL: Alternative Buchmesse - mit ANTJE HERMENAU u. A. | Tag 2 | HALLE | #VorORT (Elijah Tee - ET Video & Content; 8.11.2025; 8:15:49 Std.)
»Die Verlegerin und Buchhändlerin SUSANNE DAGEN aus Dresden organisiert ihre eigene alternative Buchmesse mit prominenten und umstrittenen Gästen en masse. Und: Vor allem mit Büchern, die man auch endlich wieder lesen will! Mit H.G. Maaßen, Uwe STEIMLE, Antje HERMENAU, Thor KUNKEL und vielen Anderen!« ⋙ Link